Wenn Klang zur Materie wird

Hoher Besuch im Lauschmittel-Atelier für das Show-Case mit Tannoy Kensington GR im Zusammenspiel mit ASR Emitter I Exklusiv, Thorens TD 1600 und Benz Micro, Vincent DAC-700 und Octavio Stream. Was steckt dahinter und wie klingt diese Traumkombination?

Die Philosophie dieser Kombination

Es gibt Anlagen, die beeindrucken, und es gibt Anlagen, die «verschwinden». Der beste Show-Case ist jener, bei dem man nach wenigen Sekunden aufgehört hat, über Technik nachzudenken. Genau das passiert mit dieser Zusammenstellung.

Im Mittelpunkt steht der Tannoy Kensington GR: ein Lautsprecher in der grossen britischen Tradition, dessen Dual-Concentric-Prinzip seit Jahrzehnten für eine Kohärenz sorgt, die Mehrwegsysteme mit räumlich getrennten Chassis nur schwer oder gar nicht erreichen können. Hoch- und Tiefmitteltöner teilen eine gemeinsame akustische Achse. Der Klang kommt aus einem Punkt. Das Gehör registriert das sofort – auch wenn man es nicht benennen kann.

Tannoy Kensington GR

Den Strom dafür liefert der ASR Emitter I Exclusiv. Wer diesen monumentalen Verstärker einmal gehört hat, versteht, warum sein Ruf weit über den deutschsprachigen Raum hinausgeht. Ausserordentliche Stromreserven, keinerlei Kompression auch bei maximaler Belastung, eine Stille im Bassbereich, die anderen Geräten schlicht fehlt. Mit dem Kensington GR harmoniert er auf eine Weise, die weniger nach Technik als nach Selbstverständlichkeit klingt.

Die Analogquelle: Thorens TD 1600 mit Benz-Micro-Tonzelle. Der TD 1600 ist der Beweis, dass Thorens die eigene Tradition nicht nur verwaltet, sondern weiterentwickelt. Das vollständig entkoppelte Subchassis, der präzise gefräste Tonarm, die sorgfältige Verarbeitung – das alles schafft eine Basis, auf der die Benz-Micro-Tonzelle vollständig aufblühen kann. Benz Micro steht für Schweizer Handwerkskunst im kleinsten Massstab: die Nadel tastet die Rille mit einer Natürlichkeit ab, die das Signal nicht interpretiert, sondern überträgt.

Kein steriler Showroom, sondern Wohnzimmer-Atmosphäre im Lauschmittel-Atelier.

Digital komplettieren der Vincent DAC-700 und der Octavio Stream die Kette. Der Vincent ist ein DAC alter Schule in bestem Sinne: kein Aliasing, keine künstliche Brillanz, kein übertriebener Tiefbass. Neutral, ehrlich, musikalisch. Der Octavio Stream ergänzt als Highres-Streamer mit dem nötigen tiefen Rauschteppich. Er liefert das Signal in Master-Qualität, ohne es zu färben.

ASR Emitter I Exclusiv (unten) mit Stromversorgung (oben)

Höreindrücke: Fünf Stücke, fünf Wahrheiten

Yello – The Race

Der Rennwagen fährt buchstäblich durch den Hörraum, das Motorgeräusch entsteht irgendwo links hinten, bewegt sich nach vorne rechts, und wer die Augen schliesst, macht unwillkürlich Platz. Bemerkenswert dabei: Das 10-Zoll-Chassis des Kensington zeigt kaum Hubbewegung bei den tiefen Bassattacken im zweiten Teil des Tracks, auch bei einer Lautstärke, die an der Schmerzgrenze kratzt. Keine Kompression, keine Verzerrung, kein Nachlassen der Kontrolle. Der ASR Emitter liefert die nötige Stromreserve, und der Kensington nimmt sie mit vollkommener Ruhe an.

Roger Waters – Perfect Sense Pt. 1

Die Bühne dieser Aufnahme ist tief. Viel Tiefer, als man es erwartet, was gleich zu Beginn mit dem Donnergrollen klar wird, welches die Dimensionen des Hörraumes sprengt. Das Piano steht so weit seitlich, dass man den Kopf fast reflexartig dreht. Der Kensington öffnet in Kombination mit dem ASR Emitter einen Raum, der grösser ist als das Zimmer, in dem er steht. Das ist das Dual-Concentric-Prinzip in seiner überzeugendsten Demonstration: Tiefenstaffelung ohne Umwege, ohne Phasenfehler, ohne den leichten Schleier, den Mehrwegsysteme über die Bühnentiefe legen. Verstärkend kommt hinzu, dass der ASR Emitter bei allen Aufnahmen eine sehr tief reichenden Raum schafft, tendenziell eher hinter den Lautsprechern.

Toto – I Will Remember

Das Schlagzeug steht im Raum. Nicht hinter den Lautsprechern, nicht zwischen ihnen – es steht irgendwo vor einem, fast plastisch, mit Masse und Ausdehnung. Der Anschlag ist präzise, die Decay-Kurven sind vollständig hörbar, und auch bei hoher Lautstärke bleibt alles sauber und an seinem Platz. Diese Kombination lügt nicht. Sie erhöht nichts, sie verbirgt nichts. Auch hier fällt auf: der ASR Emitter bringt Dynamikspitzen völlig unaufgeregt aus totaler Stille heraus. Egal wie gross der Dynamikumfang bei der Wiedergabe in Masterqualität ist, hier fällt nichts unter den Tisch – vorausgesetzt, der Lausprecher macht mit.

Johnny Cash – Help Me

Die Tonzelle von Benz Micro zeigt hier, was es bedeutet, wirklich neutral zu sein. Cashs Stimme bei diesen Aufnahmen – aufgenommen kurz vor seinem Tod – ist gebrochen, rau, manchmal kaum mehr als ein Flüstern. Die Anlage überträgt das ohne Beschönigung. Wenn die Stimme bricht, bricht sie. Wenn sie tremoliert, tremoliert sie. Gänsehaut gehört bei diesem Track dazu, besonders dann, wenn das Cello gespielt wird. Sehr schön: ein Cello kann ziemlich tiefe Frequenzen spielen, aber ist eben weder Kontrabass noch E-Bass. Die Kombination mit ASR Emitter und Tannoy Kensington bleibt auch hier sehr neutral und klingt, wie ein Cello auch in der Realität klingt. Einfach schön.

Immortal Bach – Ensemble 96

Chormusik ist ein Stresstest für Auflösung und Stabilität. Jede Stimme muss ihren Platz behalten, auch wenn zwanzig andere gleichzeitig erklingen. Der Kensington/ASR Emitter-Kombi besteht diesen Test mit einer Selbstverständlichkeit, die überrascht. Nichts verschiebt sich, nichts verwäscht. Jede Stimme bleibt verortet, jedes Detail kommt lupenrein. Die Räumlichkeit ist frappant, auch hier wieder die Ausdehnung in die Tiefe weit nach hintern und sehr kontrolliert in der horziontalen. Diese bleibt gefühlt so nur so weit, wie der Raum (Kirche, Saal?) bei der Aufnahme tatsächlich war. Was beim dritten oder vierten Mal hören auffällt: der ASR Emitter transportiert die kaum hörbaren Reverbs der Chorstimmen, was zum räumlichen Gesamteintdruck positiv beiträgt. Der Vincent DAC-700 trägt ebenfalls dazu bei: hochauflösendes Streaming über den Octavio, dekodiert ohne Übertreibung, transportiert ohne Verlust.

Fazit

Diese Anlage ist keine Ansammlung kompatibler Geräte. Sie ist eine Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Charakter: Ehrlichkeit und natürliche Wiedergabe. Keine Komponente versucht, die Aufnahme zu verbessern, zu glätten oder aufzuhübschen. Oder wie es sonst oft üblich ist: gezieltes Überhöhen bestimmter Frequenzbänder, um «Effekthascherisch» die Gunst nur kurz zuhörender Käuferinnen und Käufer zu gewinnen. Das Ergebnis der Kombination ist ein Klang, der so nah an die Intention der Aufnahme herankommt, wie es technisch heute möglich ist.

Wer einmal eine Stunde mit dieser Kombination verbracht hat, hört danach anders – aufmerksamer, anspruchsvoller, und mit dem leisen Wunsch, es nochmals zu tun. Aber eben: man muss sich Zeit nehmen wollen.

Die beste Anlage ist jene, die man vergisst – weil man nur noch die Musik hört.
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Das Klangerlebnis Tannoy Dual Concentric

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Früher war alles besser – tatsächlich?