Das Klangerlebnis Tannoy Dual Concentric
Einst galt beim durchschnittlichen HiFi-Fan: Eine Box mit vielen Lautsprechern ist besser als eine mit nur zwei. Drei- und Vierwegboxen sind auch heute bei Herstellern und Menschen, die etwas Schönes zum Musikhören kaufen, sehr beliebt. Abgesehen natürlich von den All-in-one-Boxen von Bose, Sonos und JBL, aber darüber habe ich schon geschrieben und werde es wieder tun ;-). Nein, dieser Blog gilt den absolut hörbaren Vorteilen von Lautsprechersystemen, welche die Physik im Griff haben.
Das Ideal, das nicht umsetzbar ist
Nun gut, das Ideal ist eine Schallquelle in Form eines unendlich kleinen Punktes, welcher alle (hörbaren) Frequenzen abstrahlt. Utopie bislang, diese Erfindung ist noch nicht gemacht. Vorderhand müssen wir uns mit Kompromissen zufrieden geben. Diese Kompromisse sehen je nach Philosophie und Verständnis und Firmenkultur der Lautsprecherhersteller sehr unterschiedlich aus. Sieh dir schon nur einmal an, was in den letzten zig Jahren der Musikwiedergabe alles erfunden und folglich gebaut wurde. Das reicht vom Breitbanlautsprecher über Zweiwegesysteme, Koaxiallautsprecher, Flächenstrahler, Plasmahochtöner, Bändchen, Hornkonstruktionen, Raumstrahler, Surround, Satelliten und vieles mehr. Selten nur ist das Ideal der Wiedergabe einer Quelle wie aufgenommen und des vom Künstler/Produzenten gewollten Klangeindrucks erreicht worden.
Alternativen sind gesucht
Als Annäherung an das physikalische Optimum haben sich die Hersteller rund um de Globus mächtig ins Zeug gelegt. Entstanden sind wie oben genannt unzählige, teils abenteuerliche Konstruktionen. Je mehr Teile darin involviert sind, umso schwieriger ist das Klangergebnis, die Klangfarben und die Räumlichkeit zu kontrollieren. Oder konkret bezogen auf das physikalische Optimum: je weiter die Differenz zum Optimum, umso schwieriger ist die Erreichung der natürlichen, ungefärbten und unbeeinflussten Wiedergabe.
Viele Hersteller haben zugegebnermassen sehr eindrückliche Produkte auf den Markt gebracht. Meist sind diese Lautsprechersyteme grosse, schwere und komplexe Geräte. Viele unterschiedlich grosse und für ihr Frequenzband zuständige Chassis verreichten zusammen den Job der optiomalen Musikwiedergabe. Oft klingt das durchaus eindrücklich: schöne, präzise und satte Bässe, toller Mtteltonbereich mit einer Stimmwiedergabe, die Gänsehautcharakter erreicht. Und Höhen, die präzise und ohne Schärfe wiedergegeben werden. Alles gut also? Fast.
Laufzeitsynchronisation: wie?
Nur ein paar wenige Hersteller haben sich dem Problem der Laufzeitsynchronisation (die Fachleute haben sicher einen besseren Begriff dafür) der Frequenzbereiche gewidmet. Meine Erklärung dieses Problems ist leider sehr unwissenschaftlich, ich versuche es (ohne KI) trotzdem: tiefe Frequenzen breiten sich aufgrund verschiedener Faktoren langsamer und weniger gerichtet aus als hohe Frequenzen. Das bedeutet somit, dass es zwischen dem Entstehen eines Tones je nach Frequenz und dem Erreichen derselben an unseren Ohren minimale Unterschiede gibt. Ob das messbar ist, weiss ich nicht, ich vermute es mal.
Schnittbild des Tannoy Dual Concentric Chassis
Aber es ist hörbar oder vielmehr: das Klangbild insgesamt wird dadurch beeinflusst. Doch später mehr dazu. Ich kenne ein paar Hersteller, welche sich diesem Problem angenommen haben. Beispielsweise Dynaudio, Cabasse, B&W, Wilson, Tannoy. In den 80er Jahren baute ich Lautsprecherboxen mit Dynaudio-Chassis zusammen. Die Baupläne von Dynaudio waren speziell: Hochtöner unten, Mitteltöner in der Mitte, Basschassis oben im Gehäuse. Und die Chassis waren je auf einer eigenen Ebne: ganz hinten der Hochtöner und ganz vorne der Tieftöner mit einer Differenz von ein paar Zentimetern. Cabasse hat es ähnlich gemacht, aber klassisch angeordnet, also Hochtöner oben, Bass unten. Wilson hatte früher ein dreickige Konstruktion für das Mittel-Hochtongehäuse und heute ein Gerüst, in dem jede Einhgeit individuell justiert werden kann ähnlich dem Array eines PA. Und Tannoy – als ältester Lautsprecherhersteller der Welt – hat einen komplett eigenen Weg gewählt: Der Hochtöner sitzt in der Mitte des Basschassis als koaxiale Konstruktion sehr weit hinten. Die Bassmembran ist so geformt. dass sie ein grosses Horn für die höheren Frequenzen bildet. Aus physikalischer Sicht eine clevere Konstruktion, aber vermutlich ist es dem konstruktiven Aufwand geschuldet, dass sich kaum ein anderer Hersteller auf diese Bauform eingelassen hat.
Laufzetsynchronisation: wozu?
Aber wozu dieser Aufwand? Weiter oben haben ich geschrieben, dass die Laufzeitunterschiede hörbar sind. Während ein «klassisch» gebautes Lautsprechersystem sehr schön und weitgehend natürlich klingen kann, fällt doch fast jedes in der räumlichen Abbildung des Klanggeschehens durch. Je nach Frequenz und Lautstärke verschieben sich Instrumente und Stimme im virtuellen Raum seitwärts und in der Tiefe. Mitunter habe ich es schon erlebt, dass sich das klangliche Geschehen zusätzlich vertikal bewegt. Keine der drei Bewegungen ist erwünscht. Erwünscht ist vielmehr, dass sich Stimmen und Instrumenten stets an Ort und Stelle befinden. Denn genau so erlebst du es auch am Konzert.
Das System Dynaudio mit den unterschiedlichen Ebenen habe ich jahrelang selber gebaut und dadurch intensiv gehört. Auch wenn ich damals nicht über die heutigen High-End-Verstärker und HighRes-Streaming verfügte: der Raumklang war schon recht gut, wenn auch nicht perfekt. Vermutlich lag dies daran, dass ich bis auf eine Ausnahme (meine eigenen Dynaudios waren ein Zweiweg-System) immer Drei- oder Vierwege-Systeme gebaut habe: je mehr Lautsprecher sich das Klangspektrum teilen, umso schwieriger ist die räumliche Abbildung.
Tannoys im Atelier
Seit der Gründung von Lauschmittel «schlage» ich mich mit Tannoy herum. Die Tannoys mögen mit ihrem schottischen Charme etwas gewöhnungsbedürftig ausssehen, klanglich spielen sie aber auf einem eigenen Niveau. Die rämliche Abbildung der einzelnen Traks ist bei den Dual-Concentric genannten Koaxial-Lautsprechern einzigartig. Der Hochtöner sitzt so weit hinten, dass die Laufzeitunterschiede perfekt ausbalanciert werden. Die Bassmembran ist hart aufgehägt, wodurch sie nur minimale Auslenkungen auch bei hohen Pegeln und harten Bässe hat. Das Ergebnis ist ein sehr natürliches Klangbild und eine atemberaubende räumliche Abbildung. Die Stimmwiedergabe ist auf ausserordentlich hohem Niveau, welches oft nur von deutlich kostspieligeren Systemen erreicht oder übertroffen wird. Dafür sind die Bässe prinzipbedingt nicht auf Club- oder Konzertniveau. Für das Auskommen mit den Nachbarn ist das vielleicht auch besser. Aber: die Präzision und das sehr knackige Ansprechverhalten in den tiefen Frequenzen entschädigt dafür.
Und die Aufstellung?
Die korrekte Aufstellung, die akustischen Eigenschaften des Hörraumes und der Oberflächen: diese Parameter beeinflussen den Klang schlussendlich so nachhaltig, dass auch ein sehr guter Lautsprecher plötzlich schlecht klingt oder sein Potential kaum ausschöpfen kann. Alles mag perfekt abgestimmt sein, Musikquelle, Verstärker, Kabel und Lautsprechen müssen eigentlich perfekt klingen. Aber der Raum, eine fehlerhafte Aufstellung, stark reflektierende Oberflächen oder Möbel mit leicht erregbaren Resonanzen trüben oder zerstören den tollen Klang. Gerade weil es so viele Aspekte gibt, existieren auf meinem und vielen anderen Blogs Artikel darüber, wie eine gute Aufstellung erreicht werden kann. Die einfachste Lösung: sprich mit einem Experten.
Selber erleben
Eins ist klar: ich verkaufe Tannoy und den ganzen Kram rundherum, dann muss ich das ja auch als das Nonplusultra anbieten. Aber da bin ich absolut offen: gerne nehme ich mir Zeit, um meinen Kundinnen und Kunden zu zeigen, dass ich keinen Stuss von mir gebe. Denn letztlich zählt nur, was du mit eigenen Ohren hörst. In meinem Atelier stehen diverse Lautsprecher, Verstärker und Musikquellen rum, damit du dir einen eigenen, direkten Eindruck des einzigartigen Klangs machen kannst. Und wenn du sicher bist, dass ein anderes System viel besser klingt: einerseits gibt es viele gute Hersteller mit herausragenden Produkten und andererseits ist dein Hörempfinden, sind deine Präferenzen der Massstab dafür, wie du den Klang beurteilst. Auf diesem Niveau bin ich immer offen für Diskussioen, das erweitert den Horizont 😀