Wie klingt denn Strom?

High-End sei Alchemie, heisst es oft – Unterschiede, die niemand hört. Am ASR Emitter I Exklusiv haben wir das Akku-Netzteil ausprobiert, mit einem verblüffenden Ergebnis.

Nun habe ich also definitiv eine veritable High-End Stereoanlage bei mir im Hörraum stehen. Die einzelnen Komponenten sind zum Teil bereits bekannt, andere sind ganz neu weil erst eben auf den Markt gekommen. Aber beginnen wir bei der bekannten Basis:

  • Tannoy Kensington: mein immer noch bevorzugter Schallwandler.
    Die Tannoy Kenstington ist für mich perfekt: wunderbare und immer wieder aufs Neue verblüffend schöne und natürliche Wiedergabe von Gesangsstimmen, präzise räiumliche Abbildung aller möglchen Aufnahmesituationen (Achtung: schlechte Aufnahmen/Produktionen kannst du leider fast sicher in die Tonne schmeissen. Da wird nichts beschönigt!), packende Dynamik und eine extrem präzise und «straffe» Basswiedergabe.

  • Thorens TD 1600 mit Tonarm TP 90 und Benz Micro ACE SL.
    Ein schöner, klassischer Subchassis-Plattenspieler mit dem altbewährten, geraden Tonarm TP 90. Das ist sehr viel Klangkompetenz für ein vernüftiges Budget. Versehen mit dem MC-Tonabnehmer Benz Micro ACE SL kann diese im unteren High-End-Bereich einzuordnende Kombination eine erstaunliche Klangfülle aus den Rillen holen.

  • Vincent DAC-700 in Hybrid-Technologie mit dem Octavio Streamer.
    Wiedersprechen sich hochwertige DAC und günstige WLAN-Streamer. Nein, im Gegenteil. Der WLAN-Streamer von Octavio liefert am optischen Ausgang High-Res-Audio von den einschlägigen Streaming-Plattformen. Und der DAC-700 wandelt den Stream so exakt wie möglich in hörbare Signale um. Die dank Hybrid-Technologie eingesetzten Röhren sollen etwas mehr analoge Wärme in das Klangbild bringen. Ich behaupte mal, dass das in diesem Fall einen nur marginalen Unterschied macht (der DAC-700 kann zwischen Transistor und Röhre umgeschaltet werden). Jedenfalls läuft der DAC bei mir immer auf Röhre.

  • Die Verkabelung ist gut bis sehr gut, balanced wo möglich; Netzfilter für störungsfreie Stromversorgung und auch hier hochwertige Stromkabel und -Stecker; Bi-Wire für Lautsprecheranschluss.

Wie angesprochen gibt es auch neue Komponenten, und mindestens eine davon spielt hier die Hauptrolle:

  • Thorens MC 1600 Phono-Vorverstärker.
    «Dieses Modell steht für die konsequente Verbindung von deutscher Ingenieurskunst, präziser Handarbeit und reiner Musikalität – ganz im Sinne der Thorens-Tradition.» So preist Thorens ihr neustes Flaggschiff aus der Reihe der Phono-Vorverstärker an. Verglichen mit anderen Vorstufen kommt das Teil schon in der Verpackung mit viel Selbstbewusstsein daher: ein ausgewachsener Vollverstärker würde in der Kartonverpackung des MC 1600 gut Platz finden! Der MC 1600 spielt hier aber eine (wichtige) Nebenrolle, egal wie gross und schwer er ist.

Thorens MC 1600 Phono-Vorstufe

  • ASR Schäfer Emitter I Exclusiv mit Akku-Netzteil. Schwergewicht.
    Der spielt die Hauptrolle. Dieser Vollverstärker besteht aus drei Teilen: dem Verstärker an sich, dem normalen Netzteil und dem Akku-Netzteil. Zusammen bringen die Teile 80 Kilogramm auf die Waage. Verbunden werden die drei Geräte mit massiven Industriesteckern. Der Verstärker bringt in dieser Konfiguration ein Sinusleistung von bis zu 520 Watt zustande, die aufwändige Stromversorgung liefert bis fast zum Kurzschluss Leistung zum Abwinken.

Eine Besonderheit in dieser Konfiguration stellt das Akku-Netzeil des ASR Schäfer dar – und genau darum geht es in diesem Artikel. Schäfer sagt dazu:

«Mit dem zusätzlichen Akku-Netzteil (..) für den Emitter I Exclusive geht zwar ein Stück weit die Wohnraumfreundlichkeit abhanden, die aber bei gut konstruierten Lautsprechern nochmals mit einem fühlbaren Plus an Räumlichkeit belohnt wird. Die Musik vermittelt noch mehr ”Luft” um die Instrumente, die Interpreten und die Instrumente werden "physisch" noch wahrnehmbarer - und die virtuelle Bühne gewinnt noch etwas an Substanz.» (Quelle: Website von ASR Schäfer)

Die komplette Anlage mit Thorens Kensington, ASR Emitter I Exclusiv, Thorens MC 1600, Thorens TD 1600, Vincent DAC-700, Octavio Stream

Aber beginnen wir vorne. Ich verwende eine aktive Stromverteilung, welche alle Geräte einschaltet, wenn der Verstärker aus dem Standby geweckt wird. Beim ASR hat das nicht so gut geklappt, weil das Akku-Netzteil im ausgeschalteten Zustand die Akkus nicht laden kann. Ergebnis: die Akkus waren auch einige Zeit nach dem Einschalten noch nicht ausreichend geladen, wodurch die Versorgung nicht zuverlässig sichergestellt war. Also umschalten auf manuelles Ein- und Ausschalten, was dann sofort für Abhilfe gesorgt hat.

Anfangsschwierigkeiten behoben. Jedenfalls ist dieser Verstärker - abgesehen vom Gewicht - alles andere als gewöhnlich: der ASR Emitter ist kein Vollverstärker im herkömmlichen Sinne, sondern «nur» eine Endstufe mit Lautstärkeregler (bzw. «Pegelabsenker») und Eingangswahlschalter. ASR vertritt die These, dass heutige Musikquellen bereits laut genug sind, um direkt an einer Endstufe betrieben zu werden. Vorverstärker braucht man einzig für den Plattenspieler, doch dazu später mehr. Eine weitere, unübersehbare Besonderheit des ASR Emitter ist die Stromversorgung. Es gibt nur wenige Verstärker auf dem Markt, die derart aufwändige Netzteile mit zusätzlicher Akku-Versorgung anbieten. Als Grund für die physische Trennung der Netzteile vom Verstärker nennt Schäfer «(…) Transformatoren vibrieren und übermitteln starke elektromagnetische Felder, zudem können Störungen aus dem Stromnetz ins Netzteil übertragen werden. Wenn Transformatoren im Verstärkergehäuse eingebaut sind, streuen diese Störungen in die empfindlichen Schaltkreise des Verstärkers ein.(…)». Und seien wir ehrlich: wären die 80 Kilogramm in einem einzigen Gehäuse untergebracht, dann liebe Grüsse an das Installationspersonal!

Gerne komme ich auf den Phono-Vorverstärker MC 1600 von Thorens zu sprechen. Dieses erst kürzlich vorgestellte Flaggschiff von Thorens ist im Prinzip ein schwarzer Kubus mit riesigem, von innen beleuchtetem Thorens-Schriftzug. Ansonsten ist auf der Gerätefront nichts vorhanden, ein Hauptschalter befindet sich an der Geräterückseite. Interessanter wird es, wenn man das Gerät umdreht: im Gehäuseboden sind eine Reihe von Dip-Schaltern für die kanalweise Einstellung von Gain, Impedanz, Kapazität und Subsonic-Filter. Kanalweise, weil der MC 1600 kompromisslos mit symmetrischen Verstärkersektionen ausgelegt ist. Das Netzteil ist getrennt und abgeschirmt. Plattenspieler und Verstärker können wahlweise über Cinch oder XLR angeschlossen werden.

Und? Wie klingt Strom?

Verglichen mit der Konfiguration im Beitrag Wenn Klang zur Materie wird fällt als erstes auf, dass beim Umschalten auf den MC 1600 etwas fehlt: kein Rauschen, kein Zirpen, kein feines Brummen. Nichts. Beim Vincent PHO-700 sind diese Störgeräusche stets präsent, wenn keine Musik abgespielt wird. Nicht aber beim Thorens, welcher in dieser Hinsicht perfekt mit dem ASR harmoniert; Der ASR ist bekannt dafür, den Klang vor einem absolut «schwarzen Hintergrund» wiederzugeben. Dies nun auch mit Vinyl zu erleben, ist schon speziell. Und es ermöglicht auch, dass leise Passagen viel besser hörbar werden, Details und feinste Schattierungen erscheinen wie selbstverständlich im Klangbild. Zudem scheint der MC 1600 Extraportionen Druck und Dynamik zu verteilen und der ASR liefert locker ab. Was für ein Gespann! Der ASR produziert einen massiven, gleichzeitig straffen, «federnden» und dennoch sehr kontrollierten Bass. Gleichzeitig kommen auch die heftigsten Attacken gefühlt ohne die geringste Anstrengung, alles wirkt natürlich und nirgends aufgesetzt oder übertrieben.

Beim Hin- und Herschalten zwischen Netzteil plus Akku und nur Netzteil wird hörbar, was Schäfer zum Aku-Netzteil sagt. Stimmen erhalten mit Akku noch etwas mehr Raum. Bläser erscheinen mit Akku eine Spur sanfter, ohne dass sie je spitz wären – auch nicht mit nur Netzteil. Insgesamt erscheint der Klang mit Akku noch ein wenig druckvoller und konturierter, sehr neutral, transparent und «rein». Was sowohl mit und ohne Akku-Betrieb verblüffend bleibt, ist der absolut «schwarze Hintergrund», vor dem die Musik erklingt.

Die Frage, «wie Strom klingt», kann somit nicht einfach beantwortet werden. Der ASR Emitter I Exklusiv klingt mit seinem Basis-Netzteil schon unglaublich gut und vermag mit dem Akku noch einmal an Qualität zu gewinnen. Es sind nicht Welten, die sich dazwischen auftun, aber es sind diese kleinen Verbesserungen in jedem Bereich, welche den Einsatz des Akku-Netzteils rechtfertigt.



Weiter
Weiter

Das Klangerlebnis Tannoy Dual Concentric